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Stiftskirche

Außenansicht und Melanchthon-Statue

Quelle: Kunstverlag Peda
Die Brettener Stiftskirche macht von außen mit ihren weißgetünchten Wänden einen schlichten Eindruck. In dieser Kirche soll Philipp Melanchthon, bedeutender Reformator und Mitstreiter Martin Luthers, getauft worden sein. Nachweisen lässt sich dies aber leider nicht.

Auf der Nordseite, direkt vor dem Kirchengebäude, steht seit 1861 eine Statue in Gedenken an Philipp Melanchthon. Melanchthon wurde als Philipp Schwartzerdt am 16. Februar 1497 hier in Bretten geboren – seinen Familiennamen übersetzte er später ins Griechische.

Philipp Melanchthon lernte Martin Luther in Wittenberg kennen, wohin er als Griechischprofessor im Sommer 1518 berufen worden war. Melanchthon als Reformator des Bildungswesens wurde für Luther zu einem wichtigen Mitstreiter, der ihn bisweilen als Verhandlungsführer der Reformation vertrat – z.B. auf dem Reichstag zu Speyer, an dem Luther nicht teilnehmen konnte, weil er geächtet war.

Quelle: Kunstverlag Peda
Die Melanchthon-Statue hält in ihrer rechten Hand die Confessio Augustana – eine der verbindlichen Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen, die am 15. Juni 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg beschlossen wurde. Neben seinem rechten Fuß liegt das Werk Platons. Sein linker Fuß ruht auf Büchern des griechischen Philosophen Aristoteles und der Grammatica Graeca. Neben diesem Fuß liegt Melanchthons erstes reformatorisches Lehrbuch, die „Loci Theologici“. In seiner linken Hand hält Melanchthon eine aufgeschlagene Bibel mit einem Vers aus dem Johannesevangelium, der als Aufforderung an den Betrachter zu verstehen ist: „Liebet euch untereinander“ (Joh. 15, 12).

 

Innenraum und Deckenbemalung

Quelle: Kunstverlag Peda
Hell und lichtdurchflutet leuchtet der Kirchenraum in einem ausgewogenen Zusammenspiel alter und neuer Elemente. Die für protestantische Kirchen typischen schlichten weißen Wände bilden einen Rahmen, an denen der Blick nach oben auf die eindrucksvolle Deckenbemalung gezogen wird. Die Augen nach oben zu erheben öffnet den Raum für den Himmel über unserem Leben. Der Blick nach oben durchbricht den Alltag und eröffnet den Blick für das Göttliche, das Wesentliche in unserem Leben.

Und da nach christlicher Theologie jeder Mensch vom Himmlischen ganz persönlich angesprochen werden soll, hat der Brettener Künstler Willi Gilli 1997 das Gemälde bewusst abstrakt gestaltet. So bietet es Raum für individuelle Interpretationen: Ist es ein abstraktes Licht als Symbol für Gottvater, eine Taube als Symbol für den Heiligen Geist, der Stern Bethlehems oder Christus, symbolisiert durch ein Licht mit roter Wunde?

Gemäß protestantischer Theologie soll sich der Betrachter nicht auf vorgegebene Interpretationen verlassen. Der einzelne Mensch kann nicht von der Verantwortung entbunden werden, sich selbst mit Glaubensinhalten auseinanderzusetzen, um somit den Weg zu Gott zu finden.

Gleich neben der Bachkapelle, an dem linken Arkadenbogen, sticht auf der weißen Wand eine kleine bemalte Fläche hervor. Sie ist eines der letzten Überbleibsel der reichen Bemalung, die ehemals die gesamte Kirche zierte. Als die Stiftskirche zum Gotteshaus der reformierten Gemeinde wurde, wurden die mit Gemälden dekorierten Wände weiß übermalt. Dieser reformierte Bildersturm war eine Begleiterscheinung der Reformation im 16. Jahrhundert, die allerdings auch unter den Reformatoren umstritten war. Die Bilderstürmer beriefen sich dabei auf die Zehn Gebote.

Die Gemeinde der Stiftskirche wollte zu Beginn des 20. Jahrhundert die unter den weißen Wänden verborgenen Kunstwerke wieder sichtbar machen und restaurieren lassen. In der Nacht bevor dies beginnen sollte, ging jedoch der Kirchendiener, Nachfahre eines reformierten Pfarrers, der in Bretten gewirkt hatte, heimlich in die Stiftskirche. Er war gegen die Freilegung der Bilder. Mit einem Hammer schlug er auf die Wände ein, um die verborgenen Bilder endgültig zu zerstören. Er wollte nicht, dass sie freigelegt werden und die Menschen durch ihren Anblick vom Gottesdienst ablenken bzw. dazu anregen, sich ein Bild von Gott zu machen.

 

Mittige Wacker-Weigle-Orgel

Quelle: Kunstverlag Peda
Zentraler Blickfang der Stiftskirche ist neben der Deckenbemalung die Orgel: Die „Königin der Instrumente“, wie die Orgel oft bezeichnet wird, thront seit 1997 mittig hinter dem Altar. Das filigrane Stahlgestell,welchesdas eigentliche Orgelwerk hält, gibt den Blick frei auf die vermauerten gotischen Arkadenfragmente.

Die Positionierung der Orgel zeigt die große Bedeutung, die der Reformator Martin Luther der Musik einräumte. Laut Luther „predigt Gott das Evangelium auch durch die Musik“. Als ehemaliger Augustinermönch kannte Luther natürlich die Schriften des Kirchenvaters Augustinus. Und bei ihm hat Luther den Ausspruch entdeckt: „Wer singt, betet doppelt!“ Deshalb ist es auch verständlich, weshalb viele der von Luther geschriebenen Kirchenlieder gesungene Gebete sind.

Die Musik war für Martin Luther eine Schwester der Theologie, die die Beziehung zu Gott und den Menschen stärkt und uns Menschen den Blick für die Welt als klingende Schöpfung Gottes öffnet. So bezeichnete Martin Luther die Musik auch als „Bibel der Ungebildeten und manchmal durchaus noch als die der Gelehrten“. Fest steht, dass der Reformator Luther der Bevölkerung neben der Bibel auch die Kirchenlieder neu zugänglich machte und wahrscheinlich auch deshalb die Reformationslehren viele Menschen erreichten.

 

Altarraum mit schlichtem Altartisch und Taufbecken

Vor der Orgel befindet sich der Altarraum der Stiftskirche. Auch in diesem Bereich spiegelt sich das Zusammenspiel von alten und neuen Elementen wider. Auf den historischen Fundamenten stehen Altartisch und Taufbecken. Beide sind, wie die Orgel, aus einem filigranen Stahlgestell gestaltet, das die gotischen Pfeiler und Streben der Bachkapelle aufgreift.

Der Altar ist – nach protestantischer Tradition – ein schlichter Abendmahlstisch, um den sich die Gemeinde versammelt. Diese Schlichtheit des Altartisches symbolisiert auch die protestantische Abkehr von der prunkvollen katholischen Heiligenverehrung. Die Paramente an Altar und Kanzel wurden im Jahre 2017 von der Gondelsheimer Künstlerin Rosemarie Vollmer gestaltet. Sie hat bei der Gestaltung der Paramente die Farben des Deckengemäldes von Willi Gilli aufgenommen. Ein spezieller Führer mit einer Erklärung der Symbolik der Paramente liegt in der Kirche aus.

Wie der Altartisch ist auch das Taufbecken modern und zugleich schlicht gestaltet. Das Taufbecken weist auf den hohen Wert der Taufe als Sakrament des Glaubens hin. Martin Luther schrieb in seinem Kleinen Katechismus, einer Einführung in den christlichen Glauben, dazu folgendes: Die Taufe bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“

 

Geteilte Kirche/Simultankirche

Die vermauerten Arkadenbögen hinter der Orgel geben den Blick frei auf die bewegte Geschichte der Stiftskirche: Erbaut um die Mitte des 14. Jahrhunderts war die Kirche zunächst rein katholisch und wurde nach den Heiligen Laurentius und Stephan benannt. Nach 1559 wurde die Kirche reformiert und in Abgrenzung zur katholischen Heiligenverehrung in Stiftskirche umbenannt. 1705 wird allen Bewohnern in der „Pfälzischen Religionsdeklaration“ Gewissensfreiheit zugesagt und die Kirchen werden neu verteilt. So erhielten die Katholiken den Chorraum und die Reformierten das Kirchenschiff. Und man baute gemeinsam eine Mauer, die den Chor vom Kirchenschiff trennte. Rund 70 Jahre später ließ die katholische Gemeinde den Chorraum abreißen, um an dieser Stelle eine neue größere Kirche zu errichten. 1936 baute die katholische Gemeinde eine eigene Kirche und überließ der vereinten protestantischen Gemeinde den Chor, die diesen seitdem als Gemeindehaus nutzt.

Anders als bei vielen anderen Simultankirchen wurde in der Stiftskirche die Trennwand nicht abgerissen. Ein mahnender Hinweis darauf, dass sich Katholiken und Protestanten in gelebter Ökumene auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen und miteinander reden sollten, statt sich an ihren Unterschieden abzuarbeiten. Philipp Melanchthon, der „Ökumeniker der Reformation“, hat dies auf prägnante Weise zusammengefasst: „Wir sind dazu geboren, uns im Gespräch einander mitzuteilen.“

Die Stiftskirche ist somit immer eine Kirche im Wandel der Zeiten gewesen: erst katholisch, dann reformiert, dann uniert und heute multifunktionsfähig. Ein Hinweis darauf ist auch die mobile Bestuhlung der Kirche, die bewusst gewählt wurde, um unterschiedliche Nutzungen je nach Situation und Bedarf zu ermöglichen. Die Stiftskirche ist also sowohl Gotteshaus als auch Veranstaltungsort für Konzerte und Ausstellungen – und somit eine lebendige Kirche, in der sich Menschen begegnen können.

 

Bach-Kapelle

Quelle: Kunstverlag Peda
Wie ein roter Faden zieht sich durch die Stiftskirche der Kontrast: der Kontrast von unterschiedlichen Konfessionen wie auch der Kontrast von alt und modern. Die Bachkapelle an der rechten Seite des Kirchenschiffes ist ein weiteres sinnbildliches Beispiel für diesen Kontrast. Um 1514 von der Brettener Adelsfamilie von Bach eingefügt, diente sie als Begräbnisstätte für angesehene Bürger der Stadt. Die aufwändig geschmückten Grabsteine legen hiervon Zeugnis ab.

Die historischen Grabplatten werden beleuchtet durch zwei Fenster, die seit 1936/37 Glasgemälde des Kunstmalers Albert Fink beherbergen. Ein Fenster zeigt den erhöhten Jesus Christus, das andere den auferstandenen Herrn.

Historie und Moderne geben sich hiermit im Angesicht des Todes die Hand. Die historischen Grabplatten zeugen von der Vergänglichkeit des Menschen, der all seinen irdischen Reichtum auf seinem letzten Weg nicht mit sich nehmen kann. Der 90. Psalm fasst dies in eindrucksvolle Worte: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90,12).

Die lichtdurchfluteten Fenster geben einen Ausblick aufdie Auferstehung Jesu und auf das Leben nach dem Tod – die christliche Glaubenshoffnung, die durch die Auferstehung Jesu Christi uns Menschen ermöglicht wird. Und so schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom: „Denn so du mit deinem Munde bekennst Jesum, dass er der HERR sei, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig“ (Römer 10,9).

 

Die Glocken der Stiftskirche

Quelle: Kunstverlag Peda
Im Jahre 2014 wurden die Glocken im Turm der Stiftskirche erneuert. Der stählerne Glockenstuhl mit 5 Stahlglocken aus dem Jahre 1949 war nicht mehr tragfähig. Ein Joch war bereits gebrochen und die Glocken mussten vorübergehend stillgelegt werden. Die Gemeinde entschied sich für den Einbau eines Glockenstuhls aus Eichenholz. Das vorhandene Geläute war dafür zu groß. So trennte man sich von der größten Glocke, der Melanchthonglocke, 4 t schwer, die nun einen Platz vor der Kirche gefunden hat. Das Geläut besteht nun aus zwei Stahlglocken aus dem alten Geläut und drei neuen Bronzeglocken. Um die neue Friedensglocke zieht sich ein Band von Friedenstauben, in das Spender ihren Namen eingravieren lassen konnten. Sie trägt die Aufschrift „Selig sind, die Frieden stiften“. Wenn die Friedensglocke am Mittag um 12 Uhr läutet, mahnt sie die Welt zum Frieden.